Mit Momo und Mister
Bean auf Du und Du
Der Mediendesigner lässt Gummibärchen und andere Puppen
tanzen.
Lindlar - Der 29-jährige Mediendesigner hat nämlich
für Thomas Gottschalks „Wetten dass...“ dem
Haribo-Konfekt Leben eingehaucht und lässt die Süßigkeiten
über die Mattscheibe turnen. Was dann gleich eins der Fachgebiete
des Mediendesigners ist: 3-D-Animationen, Zeichentricksequenzen.
Und das wiederum erledigt der Jungunternehmer nicht mit einem
Wust an Folien, sondern am PC-Bildschirm. Entsprechende Rechner
und die geeignete Software machen es möglich.
An dieser Stelle taucht ein Laie in die Zauberwelt einer Branche
ein, die bisher eher in
der Verborgenheit zunehmenden Spezialistentums blüht. Wenn
er an Trickfilme wie Momo oder Animationen zum berühmten
Mister Bean denkt, tauchen vorm geistigen Auge des Amateurs
schwitzende Teams in mit Technik voll gestopften Trickfilmstudios
auf. Umso überraschter ist man, wenn Jungunternehmer Schwertel
den Gast in sein „Studio“ bittet - ein Zimmer im
Neubaugebiet Lindlar-West.
Da domptiert der Tausendsassa mit der Maus die Software, holt
aus den Computern heraus, was zu leisten sie in der Lage sind.
Und was sie und er nicht können, besorgt er sich bei Kooperationspartnern.
Dazu hat Schwertel ein Netzwerk aufgebaut, mit dem er - je nach
Auftrag - minutenschnell sein Team zusammenstellen kann. So
wie bei dem Auftrag von Lancaster, für einen neuen Lippenstift
im Sortiment eine Produktpräsentation zu zaubern. Eine
Arbeit,die normalerweise vier Wochen in Anspruch nimmt.Schwertel
erledigte sie mit einem Kölner Partner in vier Tagen und
Nächten.
Wie ein Monument ragt der Lippenstift in der Bildmitte von schräg
oben betrachtet auf, umflattert von Bändern und akustisch
inszeniert wie die Vorstellung eines Weltstars auf einer Stadionbühne.Die
Datenmengen, die Schwertel dafür erzeugte, würden
ein Dutzend CDs füllen. Bei aller Automation, das in vier
Tagen und Nächten zu schaffen,war eine Meisterleistung.
Seine Karriere als Trickfilmer begann der Mediendesigner als
Schulbub, wie er auf seiner eigenen Internetseite vorführt.
Da ist der Kampf des Playmobil-Siegfrieds mit dem Drachen zu
bewundern, das Frühwerk des kleinen Michi. Später
gestaltete er die Schülerzeitung an seinem Koblenzer Gymnasium,
gewann bei einem Animationswettbewerb, wurde vom Hessischen
Rundfunk fürs Fernsehen entdeckt, war bald für deren
3-D-animierte Wetterkarte zuständig, arbeitete während
seines Media-Design-Studiums in Frankfurt,Berlin und Köln
bei RTL, Sat.1, n-tv und in der ARD bei HR und WDR.
Das reichte ihm offensichtlich noch nicht. Denn wann immer die
Zeit es zuließ, jettete Schwertel in die Staaten und nach
England und absolvierte dort Praktika zumBeispiel bei Disney,
Sonypictures Imageworks oder Dreamworks. Was er da unter anderem
lernte, trieb ihn daheim umso entschlossener zur Gründung
seines Unternehmens blurmedia:
Die großen Tanker in der Branche können nur schwerfällig
dem oft kurvenreichen Kurs der Kundenwünsche folgen. Die
Großen im Geschäft gerieten schnell in den Strudel
der Rezession, die kleinen Flexiblen wurden zu den Profiteuren
der Krise.
Diese Erkenntnis scheint sich hier bewahrheitet zu haben, denn
in seinem ersten kompletten Geschäftsjahr 2002 brummte
Schwertels Laden mächtig. Über Umsätze schweigt
er sich vornehm aus, nur soviel: Es war nicht schlecht.
In diesem Jahr hat er bereits mehrere Aufträge, DVD-Menüs
für Produktionen wie Momo oder die Unendliche Geschichte
zu entwickeln. Diese neue Technik befördert den Zuschauer
ein Stückchen zum interaktiven Nutzer. Über ebenjene
Menüs, die Schwertel erstellt, lassen sich Varianten von
Filmszenen aufrufen, wird der Betrachter über Hintergründe
der Filmproduktion informiert, erfährt Neues über
Schauspieler oder kleine Geschichten über die Genese von
Trickfilmfiguren.
Außerdem lehrt der Neu-Lindlarer seit 1996 an verschiedenen
Medienschulen Multimedia-Design, Comic und Trickfilm, ist gelegentlich
Prüfer für die IHK Düsseldorf im Bereich Mediengestaltung,
hat ein Fachbuch geschrieben, gehört hier im Oberbergischen
inzwischen dem IT-Forum der IHK an und - ist ständig dabei,
mediengestalterische Missgriffe seiner Umgebung aufzuspüren
und auszumerzen. Wie den Auftritt der Bahn auf den Bildschirmen
ihrer ICE-Züge. Furchtbar langweilig, fand Schwertel, telefonierte
sich quer durchs nachbehördliche Imperium und erhielt schließlich
vom leicht verschnupften Verantwortlichen den Auftrag: „Dann
machen Sie's doch besser!“
Was man Schwertel nicht zweimal sagen muss. Fix entwickelte
er für die Bahn eine pfiffigere Präsentation, denkt
laut darüber nach, welche Werbepotenziale bisher in öffentlichen
Verkehrsmitteln ungenutzt bleiben und beteiligt sich mal eben
an einem Wettbewerb für die Internet-Einladung zur Frankfurter
Messe Marketingservices im April. Frei nach dem Motto Ruhe ist
Rückschritt, und die Zukunft liegt vorn.
INGO LANG |